Ohne Auto am Land? Ein Erfahrungsbericht.

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In einer ländlichen Region wie dem Mostviertel ist Mobilität - vor allem im Alltag - für die meisten Menschen untrennbar mit einem eigenen PKW verbunden. Und auch wenn es meist alternativlos erscheint und die wenigsten darauf verzichten können und wollen, gibt es doch einige Menschen, die es versuchen. Wir haben mit Toni Pichler aus Waidhofen an der Ybbs gesprochen - und ihn um einen Erfahrungsbericht gebeten.

Ich habe während meines Studiums viele gute Jahre ohne Auto im Ausland und in Wien verbracht und wollte das aufgrund meiner Rückkehr nach Waidhofen an der Ybbs nicht ändern. Aber was sind die Voraussetzungen für ein autofreies Leben am Land? Und wie ist es?

Wichtigstes Kriterium: zentrale Wohnlage

Eines ist klar: die Frage nach der Mobilität ist eng mit der Lage des Wohnraums verbunden. Ich und meine Partnerin, Carina, wären nicht nach Waidhofen gezogen, würde die Stadt nicht ein gewisses Maß an Urbanität und öffentlicher Infrastruktur bieten. Der Großteil unserer Alltagserledigungen ist fußläufig möglich: der alltägliche Einkauf, Arzttermine, Gasthäuser, Cafés, Kino, Kulturveranstaltungen. Die Hauptkriterien bei der Wohnungssuche waren für uns nicht die tolle Aussicht (die genieße ich beim Spazieren und Bergsteigen) oder ein großer Garten (öffentliche Grün- und Gartenflächen habe ich ausreichend vor der Haustüre), sondern Faktoren, die mir meinen Alltag möglichst einfach gestalten lassen. Sollten wir in der Zukunft Kinder haben, wird der Vorteil einer zentralen Wohnlage noch größer. Sport-, Musik- und Kulturvereine, Spielplätze sowie Schule und KlassenkameradInnen sind in unmittelbare Nähe. Der Job des Kinderchauffeurs ist nicht Teil meiner Berufsplanung.

Alternativen und Kosten

Nicht alles ist zu Fuß machbar, aber es gibt Alternativen. Zunächst natürlich das Fahrrad, mit dem sich die meisten Erledigungen am Ortsrand abdecken lassen. Bus, Citybahn und Zug machen dann so ziemlich den Rest. Unsere Arbeitswege lassen sich öffentlich bewältigen und berufliche Veränderung gibt es nur, wenn sie uns nicht zum Auto zwingt. Das macht übrigens auch finanziell Sinn. Durch das Klimaticket belaufen sich meine jährlichen Mobilitätskosten auf etwa soviel wie eine Teilkaskoversicherung einer (Verbrenner) Limousine der Mitteklasse, und ich bin recht viel unterwegs. Falls ich mir ein Auto für einen Job bei ähnlicher Bezahlung zulegen müsste, verliere ich Geld.

Viel mehr möglich, als man glaubt

Es wird oft unterschätzt, wieviel sich mit den Öffis erledigen lässt, auch in unserer Umgebung. Ein gutes Beispiel sind die großen Möbelhäuser in Greinsfurth, die super an die Bahn angebunden sind, und doch fährt so gut wie jedeR mit dem Auto hin. Das merkt man spätestens, wenn man alleine an der Haltestelle aussteigt und durch die fast megalomanisch anmutende Asphaltwüste von Parkplätzen marschiert. Und auf die Frage, wie ich denn die großen Möbeln transportiere, frage ich gerne zurück, wie man Schlafzimmer, Sofas und Küchen mit dem eigenen Auto transportiert?

Manchmal braucht man dann doch ein Auto

Und dann gibt es natürlich Anlässe, für die man ein Auto braucht. Für diese letzten paar Prozent meiner Mobilität gibt es den Carsharing Verein in Waidhofen. Der Verein besitzt das Auto, und wir Vereinsmitglieder nutzen es. Je mehr mitmachen, desto besser funktioniert das Konzept. Dann zahlt sich nämlich ein größerer Pool an verschiedenen Autos und Standorten aus, was wiederum die Flexibilität für die Mitglieder erhöht.

Kultur erfordert Umdenken

Natürlich gibt es auch Hürden. Die meisten Herausforderungen rühren aber daher, dass eine, kaum hinterfragte, Kultur des Privatautos dominiert. Das zeigt sich an vielen kleinen Beispielen. Busintervalle sind lang, weil zu wenige Menschen ihn nutzen, von Haltestellen an der Bundesstraße führen keine Gehwege weg, in der Innenstadt wartet man auf zu schmalen Gehsteigen, während über 80% des öffentlichen Raums Parkplatz und 30er Zone sind – und keine Begegnungszone. All diese Dinge, über die man sich natürlich vortrefflich streiten kann, sind Resultate einer gesellschaftlichen Entscheidung für das Auto, und gegen alternative infrastrukturelle Konzepte. Das macht das autofreie Leben manchmal etwas mühsam, aber noch lange nicht unmöglich. Und vor allem: Je mehr Nachfrage nach autofreien Alternativen, desto attraktiver werden die Angebote.

Bewegung genießen

Und manchmal bringt die Autolosigkeit auch ein paar Extras mit sich. Zum Beispiel, wenn wir Freunde oder Familie auf den Hügeln rund um Waidhofen besuchen. Unsere erste Wahl ist dann die Fußmaschine und wir verbinden es gleich mit einem kleinen Wanderausflug oder auch einem Radl Trip. So habe ich Waidhofen in den letzten eineinhalb Jahren von ganz anderen Seiten kennen und genießen gelernt als  davor.

 

„Einen Erfahrungsbericht zum Leben ohne Auto in Waidhofen zu schreiben, ist mir nicht ganz leicht gefallen, weil es keine besondere Erfahrung ist. Vielmehr fühlt es sich sehr normal an, und vor allem: Es ist alles andere als unmöglich. Man muss es aber tun.“

Informationen zu den öffentlichen Verkehrsmittel findet ihr auf den jeweiligen Gemeindehomepages:

Mobilität vor Ort in Waidhofen an der Ybbs

Mobilität vor Ort in Scheibbs

Mobilität und Verkehr in Wieselburg

Radlobby im Mostviertel

Derzeit gibt es im Mostviertel vier Radlobby-Ortsgruppen: Waidhofen a.d. Ybbs; St. Pölten, Enns-Donauwinkel und Melk. Die Radlobby NÖ unterstützt auch bei der Gründung von neuen Ortsgruppen.

Zudem bieten nextbikes eine gute Möglichkeit,  unkompliziert ein Fahrrad zu leihen: Im Mostviertel gibt es bisher nur eine Station in Amstetten.

Carsharing in der Region:

Einige wenige private Initiativen in Wohnhausanlagen machen Mut: zum Beispiel in Wieselburg (Kooperation mit ÖAMTC).

Verein Carsharing Waidhofen an der Ybbs

Perfekt für einen Wochenendtrip aufs Land: Angebot der ÖBB: Rail & Drive mit Standort Amstetten

KlimaTicket Ö: Alle öffentlichen Verkehrsmittel mit einem einzigen Ticket (inkl. interessantem Familienangebot)

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